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10 Wikinger-Mythen, die falsch sind!

Wikinger. Kaum ein anderes historisches Schlagwort löst so schnell ein bestimmtes Bild aus: ein großer, bärtiger Krieger mit gehörntem Helm, Axt in der Hand und Trinkhorn am Gürtel. Er kommt von einem Drachenboot, plündert ein Kloster, brüllt seinen Feinden entgegen und verschwindet anschließend wieder über das Meer.

Das Bild ist eindrucksvoll. Nur hat es mit der historischen Wirklichkeit häufig erstaunlich wenig zu tun.

Die Menschen der Wikingerzeit hinterließen eine Welt, die wesentlich komplizierter war als das Klischee. Sie waren Bauern und Händler, Handwerker und Seefahrer, Söldner und Könige, Sklaven und Sklavenhalter, Siedler und Plünderer. Sie lebten in unterschiedlichen politischen Gemeinschaften und besaßen keine einheitliche Kultur, die sich über ganz Skandinavien erstreckte.

Viele unserer Vorstellungen stammen zudem gar nicht aus der Wikingerzeit. Manche wurden erst Jahrhunderte später durch Übersetzungen, mittelalterliche Literatur, romantische Kunst, Opern, Filme und moderne Unterhaltung geprägt.

Zeit also, einige der bekanntesten Wikinger-Mythen genauer unter die Lupe zu nehmen.

1. Wikinger trugen gehörnte Helme

Kaum ein Bild ist stärker mit den Wikingern verbunden als der Helm mit zwei gewaltigen Hörnern. Archäologisch lässt sich dieses Bild jedoch nicht bestätigen.

Aus der Wikingerzeit kennen wir zwar Helme, aber keinen einzigen eindeutig belegten gehörnten Kampfhelm. Einer der wichtigsten erhaltenen Helme ist der Helm aus Gjermundbu in Norwegen aus dem 10. Jahrhundert. Er besitzt einen Nasenschutz und eine robuste Konstruktion, aber keine Hörner. Auch andere Funde liefern kein Gegenstück zum populären Wikingerhelm.

Das bedeutet nicht, dass Menschen im Norden grundsätzlich niemals Kopfbedeckungen mit hornähnlichen Elementen verwendeten. Hornhelme und hornartige Kopfbedeckungen sind aus anderen Zeiten und Kulturräumen bekannt. Ein berühmtes Beispiel ist der Waterloo-Helm aus der Eisenzeit, der allerdings Jahrhunderte vor der Wikingerzeit entstand und wahrscheinlich ohnehin keinen gewöhnlichen Kampfhelm darstellte.

Woher kommt also der Wikinger mit Hörnern?

Das Bild entstand vor allem in der neuzeitlichen Kunst und wurde im 19. Jahrhundert durch die romantische Begeisterung für die nordische Vergangenheit verstärkt. Besonders die Ausstattung von Opern und Bühnenwerken trug dazu bei. Künstler wollten keine archäologisch korrekte Rekonstruktion schaffen, sondern eine möglichst eindrucksvolle, sofort erkennbare Darstellung.

Ausgerechnet das vielleicht berühmteste Merkmal des modernen Wikingers ist deshalb eines der am schlechtesten belegten.

Auch die Vorstellung, jeder Wikinger habe überhaupt einen Helm getragen, ist problematisch. Helme waren aufwendig herzustellen und entsprechend wertvoll. Sie dürften vor allem bei wohlhabenden oder professionellen Kriegern eine größere Rolle gespielt haben. Für viele Menschen waren andere Formen des Schutzes oder schlicht gar kein Kopfschutz realistischer.

Der gehörnte Helm ist damit kein vergessenes Standardausrüstungsstück der Wikinger. Er ist eine moderne Erfindung mit mittelalterlicher Inspiration.

2. Wikinger waren ungepflegte, stinkende Barbaren

Der zweite Mythos ist fast das genaue Gegenteil des ersten. Wenn der gehörnte Helm aus dem 19. Jahrhundert stammt, soll der ungepflegte Wikinger zumindest historisch gewesen sein.

Auch das ist zu einfach.

Archäologische Funde zeigen, dass Körper- und Haarpflege im skandinavischen Mittelalter durchaus eine Rolle spielte. Kämme gehören zu den häufig gefundenen persönlichen Gegenständen. Dazu kommen Pinzetten, Ohrlöffel, Nagelpflegeinstrumente und Rasiermesser. Kämme konnten beispielsweise dazu dienen, Haare zu pflegen und Parasiten zu entfernen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Wikinger besonders hygienisch im modernen Sinne gewesen wären.

Wir sollten uns davor hüten, aus einem gefundenen Kamm gleich ein Bild täglicher Körperpflege nach heutigen Maßstäben zu machen. Körperpflege, Baden, Rasieren und Waschen waren in der mittelalterlichen Welt regional und sozial unterschiedlich. Auch die hygienischen Vorstellungen waren nicht mit unseren vergleichbar.

Der häufig wiederholte Satz, Wikinger hätten sich grundsätzlich einmal pro Woche gebadet, sollte deshalb nicht als gesicherte Tatsache präsentiert werden. Ebenso wenig lässt sich eine allgemeine Vorliebe für besonders komplizierte Frisuren auf die gesamte Bevölkerung übertragen.

Interessant ist vielmehr, dass persönliche Pflege offenbar einen sichtbaren Stellenwert besaß. Ein gut erhaltener Kamm war kein nutzloser Luxus, sondern ein praktischer Alltagsgegenstand.

Die Wikinger waren also weder die permanent dreckigen Barbaren der Popkultur noch die besonders hygienischen Vorläufer moderner Körperpflege.

Sie waren Menschen des Mittelalters – und hatten, wie andere Menschen auch, ihre eigenen Vorstellungen davon, wie gepflegt man aussehen sollte.

3. Ein Wikinger war automatisch ein Krieger

Vielleicht ist dies einer der wichtigsten Mythen überhaupt.

Wenn wir heute „Wikinger“ sagen, meinen wir häufig eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Historisch war das wesentlich komplizierter.

Das altnordische Wort víkingr bezeichnete eine Person, die auf einer víking genannten Unternehmung oder Fahrt war. Daraus lässt sich jedoch nicht einfach die moderne Aussage ableiten, „Wikinger“ bedeute ursprünglich „jemand, der Handel treibt oder raubt“. Der Begriff steht vielmehr mit einer bestimmten Form von Ausfahrt oder Unternehmung in Verbindung und wurde nicht einfach als Bezeichnung für jeden Skandinavier verwendet.

Die große Mehrheit der Menschen in Skandinavien bestand ohnehin nicht aus permanenten Kriegern.

Sie bewirtschafteten Höfe, hielten Vieh, fischten, bauten Häuser, schmiedeten, webten, töpferten, handelten und kümmerten sich um Familien und lokale Gemeinschaften. Landwirtschaft bildete die Grundlage, auf der auch die spektakuläreren Unternehmungen der Wikingerzeit überhaupt möglich wurden.

Gleichzeitig waren Handel und Raub keine strikt getrennten Welten. Eine Reise konnte verschiedene Ziele miteinander verbinden. Ein Händler konnte Waffen tragen. Ein Krieger konnte Handel treiben. Eine Gruppe konnte zunächst handeln und später Gewalt anwenden. Menschen konnten sich an unterschiedlichen Unternehmungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens beteiligen.

Die Wikingerzeit war deshalb keine Gesellschaft, in der jeder Mann morgens aufstand, seine Axt nahm und auf Beutezug ging.

Sie war eine Gesellschaft, in der Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Seefahrt, Krieg und politische Macht eng miteinander verbunden waren.

Gerade die Handelsnetzwerke zeigen, wie weit diese Welt reichte. Skandinavische Händler und Reisende standen mit den Britischen Inseln, dem Frankenreich, dem Baltikum, Osteuropa, Byzanz und der islamischen Welt in Verbindung. In skandinavischen Funden finden sich unter anderem Münzen und Luxusgüter aus dem byzantinischen und islamischen Raum.

Das Bild des Wikingers als Berufskrieger ist daher ebenso ein Klischee wie das Bild des Wikingers als reiner Seeräuber.

4. Die Wikinger glaubten einfach an Odin und Thor

Odin und Thor sind zweifellos die bekanntesten Götter der nordischen Mythologie. Aber die Religion der Wikingerzeit lässt sich nicht auf zwei Götter reduzieren – und noch weniger auf ein festes Glaubenssystem mit überall denselben Regeln.

Es gab zahlreiche Götter und andere übernatürliche Wesen. Freyr und Freyja, Njörðr, Týr, Heimdallr, Frigg und Baldr gehören ebenso zum überlieferten mythologischen Kosmos wie Wesen wie die Jötnar, Landvættir und Dísir.

Doch auch hier müssen wir vorsichtig sein.

Unsere detailliertesten Beschreibungen stammen vor allem aus mittelalterlichen isländischen Texten, insbesondere der Poetischen Edda und Snorris Edda. Diese Texte wurden erst nach der Christianisierung Islands niedergeschrieben und sind deshalb keine unmittelbaren religiösen Handbücher aus der Wikingerzeit.

Noch problematischer wird es, wenn moderne Vorstellungen einfach zurückprojiziert werden.

So wird beispielsweise häufig behauptet, die Menschen hätten zu Njörðr oder Rán gebetet, bevor sie zur See gingen. Das klingt plausibel, ist aber nicht als allgemeine Praxis für alle Seefahrer belegt. Ebenso ist Frigg nicht einfach eine eindeutig definierte „Göttin der Ehe und Familie“, wie moderne Kurzbeschreibungen gerne behaupten.

Auch der Begriff Wyrd sollte nicht unkritisch als nordisches Wikingerwort für das Schicksal verwendet werden. Wyrd gehört vor allem zum altenglischen Sprachraum. Im altnordischen Denken begegnen uns andere Begriffe und Vorstellungen rund um Schicksal, Notwendigkeit und die Nornen.

Was wir erkennen können, ist vielmehr eine religiöse Welt, in der Götter, Ahnen, lokale Wesen, Schicksal und Rituale miteinander verbunden waren. Opfer und Festmahle, Schwüre, Begräbnisse, Schutzvorstellungen und politische Macht konnten religiöse Bedeutung besitzen.

Religion war deshalb kein abgegrenzter Bereich des Lebens.

Sie war in Gesellschaft, Politik und Alltag eingebettet.

Und gerade deshalb ist es irreführend, von „der Religion der Wikinger“ zu sprechen, als hätte es überall in Skandinavien einen einheitlichen Katechismus gegeben.

5. Die Wikinger blieben in Skandinavien

Wenn es eine Sache gibt, für die die Wikingerzeit tatsächlich berühmt ist, dann ist es ihre enorme Mobilität.

Skandinavische Gruppen bewegten sich über gewaltige Entfernungen. Sie raubten und handelten, gründeten Siedlungen, schlossen politische Bündnisse, wurden zu Söldnern und integrierten sich in lokale Gesellschaften.

Im Westen erreichten sie unter anderem die Britischen Inseln, Irland, die Färöer, Island und Grönland. Norse Siedlungen entstanden auch in Nordamerika. Die archäologische Fundstelle L’Anse aux Meadows in Neufundland belegt eine nordische Präsenz in Nordamerika um die Zeit um 1000.

Dabei sollte man allerdings vorsichtig mit dem Satz sein, „Leif Eriksson habe Amerika entdeckt“. L’Anse aux Meadows ist ein archäologischer Beleg für nordische Präsenz, aber die konkrete Verbindung dieser Siedlung mit Leif Eriksson ist nicht archäologisch nachgewiesen.

Auch die Normandie entstand nicht einfach dadurch, dass „die Wikinger Frankreich eroberten“. Der entscheidende politische Schritt war die Vereinbarung zwischen dem westfränkischen König Karl dem Einfältigen und dem Wikingerführer Rollo im Jahr 911. Aus diesem politischen Prozess entwickelte sich das Herzogtum der Normandie.

Im Osten sah die Entwicklung wiederum anders aus.

Skandinavische Händler und Krieger bewegten sich über die großen Flüsse in Richtung Ostsee, Schwarzes Meer und Kaspisches Meer. Sie erreichten Orte wie Nowgorod und Kiew und standen in Kontakt mit dem Byzantinischen Reich und der islamischen Welt. Einige Skandinavier dienten später sogar in der Warägergarde des byzantinischen Kaisers.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist deshalb nicht, dass „die Wikinger überall waren“.

Es ist die Geschwindigkeit und Reichweite, mit der einzelne Menschen, Gruppen und Netzwerke zwischen sehr unterschiedlichen Regionen verkehren konnten.

Die Wikingerzeit war eine Epoche intensiver Mobilität – und genau diese Mobilität veränderte sowohl Skandinavien als auch die Gesellschaften, mit denen die Nordleute in Kontakt kamen.

6. Alle Wikinger waren riesige Muskelpakete – und Frauen kämpften selbstverständlich mit

Der moderne Wikinger wird häufig als eine Art mittelalterlicher Bodybuilder dargestellt: zwei Meter groß, breite Schultern, riesige Muskeln und eine Axt, die kaum ein normaler Mensch heben könnte.

Dafür gibt es keinen Grund.

Die erhaltenen menschlichen Überreste aus der Wikingerzeit zeigen eine Bevölkerung mit einer Körpergröße, die nicht außerhalb dessen lag, was man für mittelalterliche Gesellschaften erwarten würde. Exakte Durchschnittswerte schwanken je nach untersuchter Population und Methode. Eine pauschale Zahl wie „jeder Wikinger war 1,70 Meter groß“ vermittelt deshalb mehr Genauigkeit, als die Quellen tatsächlich hergeben.

Natürlich waren viele Menschen körperlich sehr belastbar. Landwirtschaft, Handwerk, Rudern, Reisen und andere körperliche Arbeiten verlangten Kraft und Ausdauer.

Aber Stärke bedeutete nicht Muskelmasse nach modernen Fitnessvorstellungen.

Auch die andere Hälfte dieses Mythos verdient eine Korrektur: Frauen waren nicht automatisch unbeteiligte Zuschauerinnen des kriegerischen Lebens.

Es gibt literarische Erzählungen über bewaffnete Frauen und sogenannte Schildmaiden. Figuren wie Lagertha stammen allerdings aus späteren literarischen Quellen und sind keine sicher nachgewiesenen historischen Personen. Hervör gehört ebenfalls in den Bereich der Sagaliteratur und Legende.

Daneben gibt es archäologische Befunde.

Besonders berühmt ist das Grab Bj 581 aus Birka. Die dort bestattete Person wurde lange als Mann interpretiert. Genetische Untersuchungen zeigten später, dass es sich biologisch um eine Frau handelte. Das Grab enthielt unter anderem Waffen, zwei Pferde und ein Spielset und war schon zuvor als außergewöhnliches Kriegergrab interpretiert worden.

Die Forscher interpretieren das Grab als Bestattung einer hochrangigen Kriegerin. Zugleich zeigt die wissenschaftliche Diskussion, wie vorsichtig man mit solchen Befunden umgehen muss. Ein einzelnes Grab beweist nicht, dass weibliche Kriegerinnen in großer Zahl existierten oder dass es eine reguläre Armee von Schildmaiden gab.

Die richtige Schlussfolgerung liegt deshalb zwischen den Extremen.

Die Vorstellung, Frauen hätten niemals an bewaffneten Auseinandersetzungen teilgenommen, ist zu einfach.

Die Vorstellung, weibliche Kriegerinnen seien eine normale und weit verbreitete gesellschaftliche Institution der Wikingerzeit gewesen, ist ebenfalls nicht belegt.

7. Es gab ein großes Wikingerreich

Ein geeintes „Wikingerreich“, das sich von Norwegen bis Schweden und Dänemark und von dort über England erstreckte, hat es nicht gegeben.

Die politische Landschaft Skandinaviens war während der Wikingerzeit dynamisch und veränderte sich ständig. Verschiedene Herrscherhäuser, regionale Eliten, Gefolgschaften und lokale Gemeinschaften konkurrierten um Macht.

Allerdings wäre auch die Vorstellung falsch, Skandinavien habe aus völlig unabhängigen kleinen Dörfern bestanden, die keinerlei größere politische Strukturen kannten.

Im Verlauf der Wikingerzeit entstanden und festigten sich Königreiche. Herrscher wie Harald Blauzahn in Dänemark oder Harald Schönhaar in Norwegen stehen für Prozesse politischer Zentralisierung. Diese Entwicklungen waren allerdings keineswegs geradlinig oder dauerhaft abgeschlossen.

Auch der Begriff „Thing“ wird heute gerne romantisiert.

Versammlungen spielten tatsächlich eine wichtige Rolle. Das Thing konnte Recht sprechen, Streitfälle behandeln und politische Entscheidungen ermöglichen. Aber daraus eine moderne „Demokratie“ zu machen, wäre anachronistisch.

Nicht jeder Mensch hatte dieselben Rechte. Sklaven waren ausgeschlossen, Frauen besaßen je nach Region und Situation andere rechtliche Möglichkeiten als freie Männer, und einflussreiche Familien konnten erheblichen politischen Druck ausüben.

Das Thing war deshalb keine Wikinger-Version eines modernen Parlaments.

Es war eine Institution innerhalb einer Gesellschaft, in der persönliche Beziehungen, Ehre, Besitz, Verwandtschaft und Macht eine enorme Rolle spielten.

Die Wikingerwelt war politisch vielfältig – und genau deshalb konnte es sowohl große Könige als auch mächtige lokale Eliten geben.

8. Die Wikinger konnten kaum schreiben

Hier steckt ein kleiner wahrer Kern in einem großen Mythos.

Die Menschen der Wikingerzeit besaßen keine Schriftkultur, die mit der römischen Verwaltung oder der späteren mittelalterlichen Buchkultur vergleichbar gewesen wäre. Aber daraus folgt keineswegs, dass sie nicht schreiben konnten.

Sie verwendeten Runen.

Runen begegnen uns auf Steinen, Schmuck, Waffen, Holz, Knochen und zahlreichen anderen Gegenständen. Manche Inschriften sind sehr kurz und praktisch, andere erinnern an Verstorbene oder markieren Besitz und Herstellung. Die berühmten Runensteine Skandinaviens zeigen, wie wichtig Schrift auch in einer überwiegend nicht-buchförmigen Gesellschaft sein konnte. Runische Inschriften sind sogar weit außerhalb Skandinaviens nachgewiesen.

Allerdings waren Runen kein geheimnisvolles „Wikinger-Alphabet der Magie“.

Sie waren zunächst eine Schrift.

Es gibt zwar Belege für magische und ritualisierte Verwendung von Runen, aber nicht jede Runeninschrift war ein Zauberspruch. Eine Rune auf einem Gegenstand war nicht automatisch magisch.

Und dann sind da die berühmten Sagas.

Die großen isländischen Sagas wurden nicht einfach während der Wikingerzeit von Skalden aufgeschrieben. Viele der Texte, die uns heute Geschichten über Ragnar, Lagertha oder andere berühmte Gestalten erzählen, entstanden erst Jahrhunderte später im mittelalterlichen Island.

Sie können ältere mündliche Traditionen enthalten. Sie sind deshalb für die Erforschung der nordischen Vorstellungswelt äußerst wertvoll.

Aber sie sind keine unveränderten Augenzeugenberichte aus dem 9. Jahrhundert.

Auch die Vorstellung, dass christliche Mönche die gesamten Geschichten der Wikinger niederschrieben, ist zu simpel. Die mittelalterliche isländische Literatur entstand in einer schriftkundigen christlichen Gesellschaft und wurde von unterschiedlichen Autoren und Schreibern überliefert.

Die Wikinger konnten also sehr wohl schreiben.

Nur war ihre Schriftkultur anders organisiert als die Buchkultur, die wir aus späteren Jahrhunderten kennen.

9. Wikinger tranken aus den Schädeln ihrer Feinde

Dieser Mythos ist besonders hartnäckig – und zugleich ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine Übersetzung eine historische Vorstellung über Jahrhunderte verändern kann.

Die Geschichte geht auf eine Passage im Krákumál zurück, einem mittelalterlichen Gedicht, das Ragnar Lodbrok in den Mund gelegt wird. Dort wird ein poetischer Ausdruck verwendet, der sich auf die „gebogenen Zweige der Schädel“ bezieht.

Gemeint sind Trinkhörner.

Ein Trinkhorn wächst schließlich tatsächlich am Kopf eines Tieres. In der poetischen Bildsprache konnte daraus eine Umschreibung für ein Horn werden.

Im 17. Jahrhundert wurde diese Stelle jedoch in einer lateinischen Übersetzung so wiedergegeben, dass daraus „Schädel“ beziehungsweise Schädel getöteter Feinde wurden. Die Vorstellung verbreitete sich anschließend weiter und wurde Teil des europäischen Bildes vom wilden Wikinger.

Das bedeutet nicht, dass Menschen zu keiner Zeit und an keinem Ort aus menschlichen Schädeln getrunken hätten. Solche Praktiken sind aus verschiedenen historischen Zusammenhängen tatsächlich bekannt.

Nur gibt es keinen belastbaren Nachweis dafür, dass dies eine typische Wikingerpraxis gewesen wäre.

Archäologisch besitzen wir zahlreiche Belege für Trinkgefäße aus Holz, Keramik, Glas und Horn. Das passt wesentlich besser zu dem, was wir über die materielle Kultur der Wikingerzeit wissen.

Der Schädelbecher des Wikingers gehört deshalb vor allem in die Geschichte seiner Rezeption.

Es ist ein Mythos, der nicht aus einem archäologischen Fund entstanden ist, sondern aus einer literarischen Fehlinterpretation.

10. Mit der Christianisierung verschwanden die Wikinger

Vielleicht ist dies der wichtigste Mythos am Ende der Liste.

Die Christianisierung Skandinaviens war kein Schalter, den man einfach umlegte.

Ein Mensch war nicht an einem bestimmten Morgen Heide und am nächsten Morgen Christ. Über Generationen hinweg konnten alte und neue religiöse Vorstellungen nebeneinander existieren. In einigen Regionen verlief die Christianisierung schneller, in anderen langsamer. Herrscher spielten dabei eine wichtige Rolle, aber auch Handel, internationale Kontakte, Mission und gesellschaftlicher Wandel.

Und selbst dort, wo sich das Christentum durchsetzte, verschwanden die Menschen nicht.

Das klingt selbstverständlich – ist aber wichtig.

Die Männer und Frauen, die zuvor an Raubzügen teilgenommen, gehandelt, gesiedelt oder als Krieger gedient hatten, wurden nicht plötzlich zu völlig anderen Menschen. Sie wurden Teil einer sich verändernden europäischen Welt.

Aus skandinavischen Herrschaftsgebieten entstanden christliche Königreiche. In England und Frankreich entwickelten sich neue politische Strukturen. Die Nachkommen skandinavischer Siedler wurden Teil lokaler Gesellschaften.

Die Normannen sind dafür ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Ihre Herrschaft in der Normandie und später in England entstand aus einer Mischung skandinavischer Herkunft und fränkisch-christlicher Umwelt.

Auch deshalb ist das Jahr 1066 ein symbolisch wichtiger Zeitpunkt, aber kein magischer Endpunkt. Die Wikingerzeit lässt sich ohnehin nicht auf ein einziges Datum reduzieren. Historiker verwenden unterschiedliche zeitliche Abgrenzungen, und die Prozesse, die wir mit dem Ende der Wikingerzeit verbinden, begannen bereits vorher.

Was sich veränderte, war weniger die Existenz der Menschen als die politische, wirtschaftliche und religiöse Welt, in der sie lebten.

Die nordische Gesellschaft wurde christlicher. Königreiche wurden stärker zentralisiert. Alte religiöse Institutionen verloren an Bedeutung. Neue europäische politische Strukturen entstanden.

Aber Sprache, Ortsnamen, Rechtstraditionen, Kunst, Handelsnetzwerke und kulturelle Erinnerungen blieben erhalten.

Die Wikinger verschwanden also nicht.

Die Welt, in der sie Wikinger gewesen waren, veränderte sich.

Fazit: Je genauer man hinsieht, desto faszinierender werden die Wikinger

Die größten Wikinger-Mythen entstehen häufig dort, wo aus einem kleinen historischen Detail ein vollständiges Klischee gemacht wird.

Aus einem mittelalterlichen Helm wird der gehörnte Helm. Aus Kämmen und Waschgewohnheiten wird die Vorstellung besonders sauberer Wikinger. Aus einigen bewaffneten Frauen wird eine Armee von Schildmaiden. Aus Runen wird eine magische Geheimschrift. Aus einer missverstandenen poetischen Umschreibung werden Schädelbecher.

Und aus einer vielfältigen Gesellschaft wird der stereotype „Wikinger“.

Die historische Wirklichkeit ist jedoch wesentlich interessanter.

Die Menschen der Wikingerzeit lebten in einer Welt, die von Landwirtschaft und Handel ebenso geprägt war wie von Gewalt und Krieg. Sie bauten Schiffe, gründeten Siedlungen, handelten mit weit entfernten Regionen, führten politische Konflikte, erzählten Geschichten, verehrten unterschiedliche Götter und passten sich an neue religiöse und politische Verhältnisse an.

Dabei gab es nicht den einen Wikinger.

Es gab Dänen, Norweger, Schweden und Menschen aus zahlreichen anderen Regionen, die miteinander handelten, kämpften, heirateten und sich gegenseitig beeinflussten. Es gab Könige und Bauern, Händler und Sklaven, Handwerker und Krieger, Männer und Frauen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen.

Gerade deshalb lohnt es sich, die bekannten Bilder immer wieder zu hinterfragen.

Denn je mehr man die Klischees entfernt, desto weniger bleibt von der eindimensionalen Figur mit Hörnerhelm und Axt übrig – und desto deutlicher wird eine komplexe Gesellschaft, die Europa und den Nordatlantik nachhaltig geprägt hat.

Die Wikinger sind dadurch nicht weniger faszinierend.

Im Gegenteil.

Welche dieser Vorstellungen hast du selbst lange für historisch gehalten?

FAQ – Häufige Fragen zu den Mythen über die Wikinger

Waren die Wikinger wirklich so brutal, wie man sagt?

Die Wikinger waren zweifellos furchteinflößende Krieger, aber sie waren auch Händler, Entdecker und Siedler. Ihre Brutalität wurde oft von christlichen Chronisten übertrieben dargestellt.

Trugen Wikinger wirklich nie Helme mit Hörnern?

Nein, es gibt keine archäologischen Belege dafür. Die berühmten gehörnten Helme stammen aus romantisierten Darstellungen des 19. Jahrhunderts – vor allem aus Opern und Theaterstücken.

Hatten Wikinger eine eigene Schrift?

Ja, sie benutzten das sogenannte Futhark, ein Runenalphabet. Ihre Geschichte wurde hauptsächlich mündlich überliefert, aber viele Runensteine sind bis heute erhalten.

Waren alle Skandinavier zur Wikingerzeit wirklich Wikinger?

Nein. Der Begriff „Wikinger“ bezeichnete ursprünglich eine Tätigkeit – nämlich auf Raub- oder Handelszug zu gehen. Die meisten Menschen in Skandinavien waren Bauern, Fischer oder Handwerker.

Gibt es heute noch Spuren der Wikingerzeit?

Ja – in Ortsnamen, Sprachen (z. B. im Englischen), Bräuchen, Genetik und archäologischen Funden. Auch viele skandinavische Traditionen gehen auf die Wikingerzeit zurück.

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