Kaum ein Bild aus der Wikingerzeit fasziniert die moderne Vorstellung so sehr wie die bewaffnete Frau mit Schild und Schwert. Die sogenannte Schildmaid – eine Frau, die wie ein Krieger kämpft, an Raubzügen teilnimmt oder sogar ein Heer anführt – ist längst zu einem festen Bestandteil der populären Vorstellung von den Wikingern geworden.
Lagertha, Freydís Eiríksdóttir und Hervör gehören dabei zu den bekanntesten Namen. Ihre Geschichten erzählen von Frauen, die kämpfen, reisen, Macht ausüben und sich gegen Männer behaupten. Doch sobald man genauer hinsieht, wird die Sache komplizierter.
Denn keine dieser drei Frauen lässt sich einfach als historisch belegte „Wikingerkriegerin“ präsentieren.
Lagertha kennen wir ausschließlich aus dem mittelalterlichen Werk des dänischen Gelehrten Saxo Grammaticus. Freydís Eiríksdóttir erscheint in zwei isländischen Vinland-Sagas, die Jahrhunderte nach den beschriebenen Ereignissen niedergeschrieben wurden – und die sich in ihrer Darstellung ihrer Person sogar deutlich widersprechen. Hervör schließlich stammt aus einer legendären Heldensaga mit verfluchten Schwertern, Geistern und fantastischen Elementen.
Gleichzeitig gibt es inzwischen einen bemerkenswerten archäologischen Befund: Das berühmte Grab Bj 581 von Birka gehörte tatsächlich einer biologisch weiblichen Person und enthielt eine ungewöhnlich vollständige Ausstattung mit Waffen. Die beteiligten Forscher interpretieren die Bestattung als die einer hochrangigen Kriegerin.
Damit ergibt sich ein viel spannenderes Bild als die einfache Behauptung „Frauen waren Wikingerkriegerinnen“ oder ihr Gegenteil. Die Quellen zeigen uns, dass die Vorstellung kämpfender Frauen in der nordischen Welt existierte. Die Archäologie liefert darüber hinaus Hinweise darauf, dass zumindest einzelne Frauen tatsächlich eine militärische Rolle eingenommen haben könnten.
Was war überhaupt eine „Schildmaid“?
Der Begriff „Schildmaid“ – altnordisch skjaldmær – wird heute häufig so verwendet, als hätte es sich um eine klar definierte gesellschaftliche Gruppe gehandelt. Das wissen wir jedoch nicht.
Die mittelalterlichen nordischen Texte kennen Frauen, die kämpfen oder als Kriegerinnen auftreten. Besonders deutlich begegnet uns dieses Motiv in den Heldensagen und bei Saxo Grammaticus. Gleichzeitig existieren in der nordischen Mythologie mit den Walküren übernatürliche weibliche Gestalten, die mit Schlacht, Tod und der Auswahl der Gefallenen verbunden sind.
Diese verschiedenen Vorstellungen wurden in der modernen Rezeption teilweise miteinander vermischt.
Eine Walküre war jedoch keine historische Kriegerin. Und eine Frau, die in einer Saga mit Waffen auftritt, ist noch lange kein Beweis dafür, dass Frauen im Alltag der Wikingerzeit regelmäßig als Soldatinnen dienten.
Deshalb sollte man bei „Schildmaid“ vorsichtig sein. Der Begriff eignet sich als moderne Bezeichnung für weibliche Kriegerfiguren der nordischen Überlieferung, sagt aber wesentlich weniger über die tatsächliche Gesellschaft der Wikingerzeit aus, als der moderne Gebrauch vermuten lässt.
Gerade deshalb ist der Blick auf die einzelnen Figuren so interessant.
Lagertha – die berühmteste Schildmaid der nordischen Überlieferung
Kaum ein Name ist heute so eng mit der Vorstellung einer Wikinger-Schildmaid verbunden wie Lagertha.
Ihre Geschichte kennen wir aus der Gesta Danorum, den „Taten der Dänen“, des dänischen Gelehrten Saxo Grammaticus. Das Werk entstand im Mittelalter und verbindet historische Traditionen mit Sagenstoff und literarischer Gestaltung. Lagertha erscheint dort als außergewöhnlich kampferfahrene Frau, die im Umfeld des legendären Ragnar Lodbrok eine wichtige Rolle spielt.
Schon ihr erster Auftritt ist bemerkenswert.
Eine Kriegerin in Saxos Erzählung
Saxo berichtet, dass der schwedische König Frø in Norwegen einfällt, den norwegischen König Siward tötet und dessen weibliche Verwandte erniedrigt. Einige dieser Frauen greifen daraufhin zu Waffen und treten in Männerkleidung auf.
Unter ihnen befindet sich Lagertha beziehungsweise Lathgertha.
Sie wird als außergewöhnlich mutige und erfahrene Kämpferin beschrieben. Ragnar Lodbrok, der gegen Frø kämpft, wird auf sie aufmerksam. Lagertha beeindruckt ihn so sehr, dass er um ihre Hand wirbt.
Doch Saxos Geschichte ist keine nüchterne Biografie. Sie gehört zu einer größeren Erzählung über Ragnar und die legendäre Frühgeschichte Dänemarks.
Auch die berühmte Szene, in der Ragnar zunächst einen Bären und einen Hund überwinden muss, bevor er Lagertha heiraten kann, zeigt bereits den sagenhaften Charakter der Geschichte.
Lagertha wird damit nicht einfach als historische Frau vorgestellt, sondern als außergewöhnliche Figur innerhalb einer heroischen Erzählwelt.
Lagertha als Machtpolitikerin
Besonders interessant wird ihre Geschichte später.
Nachdem sich Lagertha und Ragnar getrennt haben, soll sie in Norwegen selbst Macht aufgebaut haben. Als Ragnar später in einen Krieg gerät, kommt sie ihm mit einer Flotte zu Hilfe. Saxo schreibt ihr dabei eine entscheidende Rolle beim Ausgang der Schlacht zu.
Noch bemerkenswerter ist ihre spätere Machtübernahme. Lagertha soll ihren zweiten Ehemann getötet haben, um selbst zu herrschen.
Damit entspricht sie nicht dem modernen Bild einer „starken Frau“, das ausschließlich auf Tapferkeit im Kampf reduziert wird. Saxos Lagertha ist gleichzeitig Kriegerin, Herrscherin und politische Akteurin.
War Lagertha eine historische Frau?
Hier ist Vorsicht angebracht.
Für eine historische Lagertha gibt es keinen unabhängigen Beleg. Ihre Geschichte steht bei Saxo und ist nicht durch zeitgenössische Quellen bestätigt. Saxo schrieb mehrere Jahrhunderte nach der Zeit, in der Lagertha angeblich gelebt haben soll.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes Detail frei erfunden wurde. Mittelalterliche Autoren konnten ältere mündliche Traditionen, genealogische Überlieferungen und lokale Geschichten verarbeiten. Wir können jedoch nicht mehr feststellen, welcher Teil der Geschichte auf einer realen Person beruht und welcher Teil literarische Gestaltung ist.
Lagertha sollte deshalb am besten als legendäre Schildmaid der mittelalterlichen Überlieferung bezeichnet werden – nicht als historisch nachgewiesene Wikingerkönigin.
Ihre enorme Bedeutung für das moderne Wikingerbild verdankt sie außerdem zu einem großen Teil der Popkultur. Besonders die Fernsehserie Vikings machte aus Lagertha eine der bekanntesten Figuren der nordischen Welt. Die Serienfigur ist allerdings wesentlich stärker ausgestaltet als Saxos ursprüngliche Erzählung und sollte nicht mit der historischen Quellenlage verwechselt werden.
Freydís Eiríksdóttir – zwischen Heldin und Mörderin
Freydís Eiríksdóttir ist eine noch schwierigere Figur.
Sie wird mit Erik dem Roten und Leif Erikson in Verbindung gebracht und erscheint in den beiden wichtigsten Vinland-Sagas: der Saga von den Grönländern und der Saga von Erik dem Roten.
Diese Texte erzählen allerdings keineswegs dieselbe Geschichte.
Gerade das macht Freydís so interessant.
Die kämpfende Freydís
In der Saga von Erik dem Roten nimmt Freydís an einer Reise nach Vinland teil. Als die nordischen Siedler von den einheimischen Bewohnern angegriffen werden, geraten die Männer in Panik und ziehen sich zurück.
Freydís ist zu diesem Zeitpunkt schwanger beziehungsweise wird in der Saga als hochschwanger dargestellt.
Sie fordert eine Waffe, nimmt schließlich das Schwert eines Gefallenen und stellt sich den Angreifern entgegen. In einer der ungewöhnlichsten Szenen der Vinland-Sagas zieht sie ihre Kleidung hoch und schlägt mit dem Schwert gegen ihre entblößte Brust.
Die Gegner erschrecken und ziehen sich zurück.
Die Geschichte ist offensichtlich dramatisch gestaltet. Sie präsentiert Freydís als Frau, deren Mut selbst in einer aussichtslos erscheinenden Situation die Männer beschämt.
Ob diese Szene tatsächlich so stattgefunden hat, können wir nicht überprüfen. Die Saga wurde lange nach den Ereignissen niedergeschrieben.
Eine völlig andere Freydís
Noch drastischer ist die Darstellung in der Saga von den Grönländern.
Dort wird Freydís nicht als Heldin dargestellt, sondern als skrupellose und gewalttätige Frau. Nach einem Konflikt mit den Brüdern Helgi und Finnbogi lässt sie deren Männer töten. Als die Männer sich weigern, auch die Frauen umzubringen, soll Freydís selbst eine Axt genommen und die Frauen getötet haben.
Damit stehen sich zwei völlig unterschiedliche Freydís-Figuren gegenüber: die mutige Verteidigerin auf der einen Seite und die brutale Mörderin auf der anderen.
Die beiden Erzählungen können nicht einfach zu einer einheitlichen Biografie zusammengesetzt werden.
Was können wir über Freydís wirklich sagen?
Das Entscheidende ist deshalb nicht die Frage, welche der beiden Geschichten „wirklich“ passiert ist.
Wir wissen, dass Freydís als Figur in der mittelalterlichen isländischen Literatur existierte. Wir wissen auch, dass die nordischen Reisen nach Nordamerika tatsächlich stattfanden. Die archäologische Stätte L’Anse aux Meadows in Neufundland belegt eine nordische Präsenz in Nordamerika um das Jahr 1000.
Was wir dagegen nicht unabhängig belegen können, sind Freydís‘ persönliche Erlebnisse.
Die reale Welt, in der ihre Geschichte spielt, ist archäologisch bestätigt. Die Frau selbst bleibt eine Gestalt der schriftlichen Überlieferung.
Gerade deshalb ist Freydís ein hervorragendes Beispiel dafür, wie vorsichtig man mit den Sagas umgehen muss. Sie erzählen uns nicht einfach, „wie es gewesen ist“. Sie erzählen Geschichten über Menschen, Konflikte, Ehre und Verrat – und tun dies mit teilweise stark unterschiedlichen literarischen Absichten.
Hervör – die Kriegerin aus der Welt des Tyrfing
Hervör gehört zu einer ganz anderen Kategorie.
Sie stammt aus der Hervarar saga ok Heiðreks, einer sogenannten Fornaldarsaga. Diese Sagas erzählen von einer sagenhaften Vorzeit und enthalten zahlreiche fantastische und mythische Elemente.
Hervör ist deshalb noch weniger als historische Person zu betrachten als Freydís.
Und trotzdem gehört sie zu den faszinierendsten weiblichen Kriegerfiguren der nordischen Literatur.
Eine Frau, die ihren eigenen Weg wählt
Hervör ist die Tochter des Berserkers Angantýr. Schon als junge Frau weigert sie sich, die für sie vorgesehene Rolle einzunehmen.
Sie zieht fort und lebt schließlich als Kriegerin.
Ihre außergewöhnliche Geschichte ist eng mit dem Schwert Tyrfing verbunden. Die Waffe wurde von Zwergen geschmiedet und mit einem Fluch versehen. Sie soll jedes Mal, wenn sie gezogen wird, einen Menschen töten und ihrem Besitzer letztlich selbst zum Verhängnis werden.
Damit wird das Schwert zum zentralen Symbol der gesamten Saga.
Die Reise zum Grabhügel
Hervörs berühmteste Szene beginnt auf der Insel Samsø.
Dort liegt ihr Vater Angantýr in einem Grabhügel begraben. Hervör wagt sich allein dorthin und ruft den Toten aus seinem Grab.
Die Szene ist eine der eindrucksvollsten Darstellungen einer Frau in der altnordischen Sagenliteratur. Hervör fürchtet weder die Nacht noch den Toten noch die Warnungen vor dem verfluchten Schwert.
Sie fordert Tyrfing von ihrem Vater.
Schließlich gibt Angantýr nach und überlässt ihr die Waffe.
Die Begegnung verbindet mehrere zentrale Motive der nordischen Sagenwelt: Ahnen, Tod, Schicksal, Ruhm und die Weitergabe eines Erbes.
Doch gerade die fantastische Natur dieser Geschichte zeigt auch, warum Hervör nicht als historischer Beleg für eine reale Schildmaid verwendet werden sollte.
Die Hervarar saga ist eine Heldensaga und keine zeitgenössische Chronik der Wikingerzeit. Ihre Versionen unterscheiden sich zudem voneinander und enthalten deutlich sagenhafte Stoffe.
Hervörs Geschichte endet nicht mit dem Schwert
Interessant ist außerdem, dass Hervör nach ihrer Zeit als Kriegerin heiratet und Kinder bekommt.
Sie wird damit nicht einfach als „weiblicher Wikinger“ dargestellt, sondern als komplexe Figur, die verschiedene gesellschaftliche Rollen miteinander verbindet.
Das ist ein wichtiges Detail, das in modernen Darstellungen häufig verloren geht.
Die nordische Literatur kennt nicht nur die Alternative „Hausfrau oder Kriegerin“. Figuren wie Hervör können innerhalb einer Erzählung mehrere Rollen einnehmen – Kämpferin, Tochter, Ehefrau und Mutter.
Das macht sie literarisch wesentlich interessanter als das einfache Bild einer Frau, die lediglich eine männliche Rolle übernimmt.
Das Grab von Birka – eine Schildmaid, die wirklich gelebt haben könnte
Wenn man nach einem archäologischen Gegenstück zu den literarischen Schildmaiden sucht, führt kein Weg an Birka vorbei.
Im schwedischen Handelsplatz Birka wurde bereits im 19. Jahrhundert das Grab Bj 581 ausgegraben. Es war außergewöhnlich reich ausgestattet und enthielt eine große Anzahl an Waffen sowie weitere Ausrüstungsgegenstände.
Lange war selbstverständlich davon ausgegangen worden, dass hier ein Mann bestattet worden war.
Warum?
Weil die Ausstattung wie die eines hochrangigen Kriegers interpretiert wurde.
Erst moderne osteologische Untersuchungen und schließlich eine genetische Analyse zeigten, dass die bestattete Person biologisch weiblich war. Die 2017 veröffentlichte DNA-Studie bestätigte das Ergebnis eindeutig.
Was lag in ihrem Grab?
Die Ausstattung umfasste unter anderem Waffen, darunter ein Schwert, eine Axt, Speere und Pfeile beziehungsweise Bogenschützen-Ausrüstung. Außerdem wurden Spielsteine und Pferde mit der Bestattung in Verbindung gebracht.
Das Grab befand sich in unmittelbarer Nähe einer Befestigungsanlage und weiterer militärisch geprägter Bereiche.
Die Forscher, die das Grab erneut untersuchten, kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Frau wahrscheinlich als hochrangige Kriegerin gelebt hatte. Sie betonen zugleich, dass archäologische Identität niemals vollkommen problemlos aus Grabbeigaben abgelesen werden kann.
Genau diese Einschränkung ist wichtig.
Ein Schwert im Grab beweist nicht automatisch, dass die verstorbene Person damit gekämpft hat. Waffen konnten Statussymbole sein oder eine symbolische Bedeutung besitzen.
Im Fall von Bj 581 ist die Kombination allerdings außergewöhnlich: eine biologisch weibliche Person, ein vollständiges militärisches Ausstattungsensemble, Pferde, hochwertige Beigaben und die Lage innerhalb eines militärisch geprägten Umfelds.
Deshalb halten die beteiligten Archäologen die Interpretation als hochrangige Kriegerin für die plausibelste Erklärung.
Bedeutet das, dass es viele Schildmaiden gab?
Nein.
Und genau hier wird aus einem faszinierenden Fund schnell eine übertriebene Aussage.
Bj 581 beweist, dass mindestens eine Frau im Wikingerzeitalter mit hoher Wahrscheinlichkeit eine militärische Identität besaß. Daraus folgt aber nicht, dass Frauen in den skandinavischen Gesellschaften allgemein als Kriegerinnen dienten oder dass es große Einheiten weiblicher Kämpfer gab.
Die Autoren der Studie selbst betonen, dass dieser einzelne Befund nicht dazu benutzt werden kann, das gesamte Geschlechter- und Gesellschaftssystem der Wikingerzeit zu erklären.
Der Fund verändert unser Bild – aber er ersetzt nicht die gesamte historische Forschung.
Was sagen uns die Schildmaiden wirklich?
Lagertha, Freydís und Hervör sind drei völlig unterschiedliche Figuren.
Lagertha stammt aus der dänischen mittelalterlichen Geschichtsschreibung und gehört zur legendären Welt um Ragnar Lodbrok.
Freydís stammt aus den Vinland-Sagas und wird dort widersprüchlich als mutige Kämpferin und als brutale Täterin dargestellt.
Hervör gehört in die Welt der Heldensagen, in der verfluchte Schwerter, Tote und übernatürliche Elemente selbstverständlich sind.
Keine dieser drei Figuren kann deshalb als sicher belegte historische „Wikinger-Soldatin“ präsentiert werden.
Und trotzdem wäre es falsch, daraus den umgekehrten Schluss zu ziehen und sämtliche Geschichten über kämpfende Frauen als reine Fantasie abzutun.
Das Grab von Birka zeigt, dass zumindest eine Frau im Wikingerzeitalter mit einer ausgesprochen militärischen Ausstattung bestattet wurde und nach Einschätzung der beteiligten Forscher wahrscheinlich selbst eine hochrangige Kriegerin war.
Die Wahrheit liegt damit wahrscheinlich zwischen zwei modernen Extremen.
Weder waren Schildmaiden eine selbstverständlich alltägliche Erscheinung, wie manche populären Darstellungen suggerieren.
Noch lässt sich behaupten, Frauen hätten grundsätzlich keine Waffen getragen oder an Gewalt und Krieg beteiligt sein können.
Die Gesellschaften der Wikingerzeit waren komplexer.
Zwischen Mythos und Wirklichkeit
Vielleicht ist genau das der interessanteste Punkt an den berühmten Schildmaiden.
Ihre Geschichten erzählen uns nicht nur etwas über Frauen und Krieg. Sie zeigen auch, welche Vorstellungen die mittelalterlichen Autoren mit weiblicher Macht verbanden.
Die kämpfende Frau konnte als mutig und bewundernswert erscheinen. Sie konnte aber ebenso als gefährlich, unnatürlich oder moralisch problematisch dargestellt werden.
Bei Lagertha bewundert Saxo ihre militärischen Fähigkeiten und lässt sie zugleich zur Mörderin werden.
Bei Freydís reicht das Spektrum von heroischer Selbstbehauptung bis zu grausamem Mord.
Bei Hervör wird die kämpfende Frau in eine fantastische Welt aus Ahnen, Fluch und Schicksal eingebettet.
Und Birka gibt uns schließlich etwas, das die Literatur nicht liefern kann: einen realen menschlichen Körper, ein tatsächliches Grab und eine materielle Ausstattung aus der Wikingerzeit.
Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied.
Literatur erzählt uns, was Menschen sich vorstellen konnten.
Archäologie zeigt uns, was Menschen hinterlassen haben.
Erst wenn man beides miteinander vergleicht, entsteht ein vorsichtigeres und zugleich spannenderes Bild der Vergangenheit.
Fazit – Gab es wirklich Schildmaiden?
Die kurze Antwort lautet: Wahrscheinlich ja – aber vermutlich nicht so, wie Filme und Serien sie darstellen.
Lagertha, Freydís und Hervör sind keine drei historisch gesicherten Wikingerkriegerinnen. Ihre Geschichten stammen aus mittelalterlichen literarischen Traditionen, die teilweise Jahrhunderte nach der Wikingerzeit niedergeschrieben wurden und stark von Sagenmotiven geprägt sind.
Doch die Vorstellung einer kämpfenden Frau war in der nordischen Überlieferung keineswegs unbekannt. Und mit dem Grab Bj 581 von Birka besitzen wir einen außergewöhnlichen archäologischen Befund, der zeigt, dass zumindest eine Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit eine militärische Rolle einnahm.
Das bedeutet nicht, dass jede Frau mit einem Schwert eine Schildmaid war. Es bedeutet aber ebenso wenig, dass die Vorstellung weiblicher Kriegerinnen vollständig aus der Fantasie stammt.
Die interessanteste Antwort liegt deshalb nicht im einfachen „Ja“ oder „Nein“.
Die Wikingerzeit war eine Gesellschaft, in der Geschlecht, Status, Gewalt, Macht und persönliche Identität offenbar vielfältiger miteinander verbunden waren, als es das lange vorherrschende Bild vermuten ließ.
Die Schildmaid ist deshalb weder eine moderne Erfindung noch eine historisch bewiesene Massenerscheinung.
Sie liegt irgendwo dazwischen – zwischen Saga und Grab, zwischen literarischem Mythos und archäologischem Befund.
Und genau dort wird die Geschichte besonders spannend.
FAQ – Häufig gestellte Fragen zu Schildmaiden
Gab es wirklich Schildmaiden in der Wikingerzeit?
Die Existenz historischer Schildmaiden ist umstritten. Literarische Quellen wie die Sagas berichten davon, und Funde wie das Kriegergrab in Birka mit weiblichem Skelett und Waffen sprechen dafür. Doch endgültige Beweise fehlen bisher.
Warum wurden Schildmaiden oft in Sagas dargestellt?
Schildmaiden verkörpern Ideale wie Mut, Unabhängigkeit und Ehre – zentrale Werte der Wikingerzeit. In den Sagas stehen sie oft für außergewöhnliche Frauen, die sich über soziale Normen hinwegsetzen.
Welche Bedeutung hatte Tyrfing in Hervörs Geschichte?
Tyrfing war ein verfluchtes Schwert, das nur durch Blut besänftigt werden konnte. Hervörs Geschichte dreht sich um den Mut, sich diesem Fluch zu stellen und das Erbe ihres Vaters anzunehmen.
Ist Lagertha eine reale historische Figur?
Wahrscheinlich nicht. Lagertha ist nur aus den Gesta Danorum bekannt. Dennoch könnte ihre Figur auf echte Erinnerungen an kämpfende Frauen basieren – oder auf idealisierte Vorstellungen weiblicher Stärke.
