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Yggdrasil – Der Weltenbaum der nordischen Mythologie

Yggdrasil – Der Weltenbaum der nordischen Mythologie

Kaum ein Bild der nordischen Mythologie wirkt bis heute so mächtig wie Yggdrasil. Der gewaltige Weltenbaum verbindet in den überlieferten Mythen verschiedene Bereiche des Kosmos, steht in Beziehung zu Göttern, Menschen, Toten und anderen Wesen und wird selbst zu einem Schauplatz des Geschehens.

Doch Yggdrasil ist mehr als ein dekoratives Symbol einer vermeintlich klar geordneten „Weltkarte der Wikinger“. Je genauer man in die Quellen blickt, desto geheimnisvoller wird der Baum.

Denn die nordischen Überlieferungen liefern uns kein vollständiges kosmologisches Lehrbuch. Sie nennen zahlreiche Orte, Wesen und Bereiche, die miteinander verbunden sind, aber nicht immer eindeutig erklären, wie dieses Gefüge genau aufgebaut ist. Yggdrasil ist deshalb weniger eine moderne Landkarte des Universums als ein poetisches Bild für eine Welt, in der Götter, Menschen, Jötnar, Tote und andere Wesen miteinander verbunden sind.

Woher kennen wir Yggdrasil?

Die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse stammen aus den eddischen Überlieferungen. Besonders bedeutend sind die Völuspá und Grímnismál sowie Snorris Edda, die im mittelalterlichen Island entstand.

Dabei muss man eine wichtige zeitliche Distanz beachten. Die erhaltenen Handschriften stammen aus dem Mittelalter und wurden in einer christlich geprägten Gesellschaft niedergeschrieben. Die darin enthaltenen Mythen können auf wesentlich ältere mündliche Traditionen zurückgehen, doch wir besitzen keine direkte Mitschrift einer „Wikingerreligion“ aus dem 8. oder 9. Jahrhundert.

Yggdrasil ist in diesen Quellen dennoch deutlich als gewaltiger Baum des kosmischen Gefüges bezeugt.

In der Völuspá wird er als Esche bezeichnet:

„Eine Esche weiß ich, Yggdrasil heißt sie,
der hohe Baum, benetzt mit weißem Lehm.“

Die genaue Übersetzung einzelner Stellen kann variieren. Wichtig ist vor allem das Bild: Yggdrasil ist kein gewöhnlicher Baum, sondern ein Wesen von kosmischer Bedeutung.

Ein Baum, aber keine moderne Weltkarte

Heute wird Yggdrasil häufig als Zentrum einer Kosmologie dargestellt, von dessen Stamm und Ästen neun klar voneinander getrennte Welten ausgehen.

Diese Darstellung ist anschaulich – aber sie ist stärker systematisiert, als es die mittelalterlichen Quellen tatsächlich sind.

Die nordischen Texte nennen zahlreiche Orte und Bereiche, darunter Ásgarðr, Miðgarðr, Jǫtunheimr, Álfheimr, Vanaheimr, Niflheimr und weitere. Auch Hel, Muspelheim und die Welt der Zwerge spielen eine wichtige Rolle. Doch keine erhaltene Quelle liefert uns eine einzige vollständige und eindeutig geordnete Liste, die exakt erklärt: Diese neun Welten liegen hier, dort und dort und sind auf diese Weise mit Yggdrasil verbunden.

Die berühmten „neun Welten“ sind daher zu einem gewissen Grad eine moderne Systematisierung verschiedener Angaben aus den Quellen.

Das macht sie nicht bedeutungslos. Es bedeutet lediglich, dass wir vorsichtig sein sollten, wenn wir aus dieser Vorstellung eine präzise kosmologische Landkarte machen.

Yggdrasil verbindet vielmehr unterschiedliche Bereiche des mythischen Kosmos. Seine Bedeutung liegt gerade in diesen Beziehungen.

Die drei Wurzeln des Weltenbaums

Besonders eindrucksvoll wird Yggdrasil in Grímnismál beschrieben. Dort ist von drei Wurzeln die Rede, die zu unterschiedlichen Bereichen führen.

Eine steht bei den Göttern am Brunnen Urðarbrunnr. Dort sitzen die Nornen, die Schicksalsmächte.

Eine weitere reicht zu den Jötnar und zum Brunnen des Mímir.

Die dritte befindet sich bei Hvergelmir in Niflheim.

Damit verbindet Yggdrasil sehr unterschiedliche Bereiche des mythologischen Kosmos: die Welt der Götter, die Welt der Jötnar und die dunklen beziehungsweise kalten Bereiche, die mit Niflheim und Hvergelmir verbunden sind.

Urðarbrunnr und die Nornen

Urðarbrunnr ist mit den Nornen verbunden. Besonders bekannt sind Urðr, Verðandi und Skuld, die in der späteren Überlieferung mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Verbindung gebracht werden.

Allerdings sollte man auch hier nicht zu schnell moderne Vorstellungen auf die Quellen übertragen.

Die Namen werden heute häufig als direkte Entsprechungen von „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“ interpretiert. Eine solche Dreiteilung ist populär, aber die tatsächlichen Quellen sind komplizierter. Vor allem die Vorstellung, die drei Nornen würden am Fuße Yggdrasils systematisch die „Schicksalsfäden aller Menschen weben“, ist stärker von moderner Zusammenfassung geprägt, als der konkrete Quellenbefund vermuten lässt.

Sicher ist jedoch: Die Nornen gehören zu den wichtigsten Gestalten der altnordischen Schicksalsvorstellungen, und Yggdrasil steht in enger Verbindung mit ihnen.

Mímisbrunnr – die Quelle des Wissens

Die zweite Wurzel steht bei Mímisbrunnr, dem Brunnen des Mímir.

Mímir ist eine geheimnisvolle Gestalt, die mit außergewöhnlichem Wissen verbunden wird. In der Völuspá wird sogar berichtet, dass Odin Mímirs Haupt beziehungsweise dessen Wissen aufsucht.

Der Brunnen ist deshalb eng mit dem Motiv von Erkenntnis und Weisheit verbunden.

Auch hier zeigt sich ein wiederkehrendes Motiv der nordischen Mythologie: Wissen ist nicht kostenlos. Odin selbst muss für Erkenntnis Opfer bringen.

Hvergelmir und Níðhöggr

Die dritte Wurzel steht bei Hvergelmir. Dort befindet sich Níðhöggr, der an den Wurzeln nagt.

Hvergelmir wird in den Quellen mit zahlreichen Flüssen in Verbindung gebracht. Die Vorstellung, dass hier „alle Flüsse der Welt“ im modernen geografischen Sinn entspringen, ist allerdings eine Vereinfachung der komplexeren mythologischen Beschreibung.

Yggdrasil ist damit nicht nur ein Symbol des Lebens. An seinen Wurzeln befindet sich gleichzeitig eine ständige Bedrohung.

Ein Baum, der selbst leiden kann

Gerade dieser Aspekt macht Yggdrasil besonders interessant.

Der Weltenbaum steht nicht einfach unerschütterlich über der Welt. Er ist selbst Teil des kosmischen Geschehens.

In den Quellen wird beschrieben, dass verschiedene Tiere an ihm leben. Vier Hirsche bewegen sich in seiner Krone beziehungsweise an seinen Zweigen und ernähren sich von seinem Laub. Ein Adler sitzt in den oberen Bereichen des Baumes. Zwischen den Augen des Adlers befindet sich ein Habicht.

Am unteren Ende nagt Níðhöggr an den Wurzeln.

Und zwischen den verschiedenen Ebenen bewegt sich Ratatoskr.

Diese Darstellung erzeugt ein bemerkenswert lebendiges Bild: Yggdrasil ist kein unbewegliches Monument, sondern ein Ort ständiger Aktivität.

Die Tiere des Yggdrasil

Níðhöggr – der Feind an den Wurzeln

Níðhöggr gehört zu den bekanntesten Wesen des Weltenbaums. In Grímnismál wird beschrieben, wie er an den Wurzeln nagt.

Heute wird er häufig als Verkörperung des „Bösen“ bezeichnet.

Das ist allerdings eine moderne Interpretation.

Die altnordischen Quellen präsentieren Níðhöggr zwar als bedrohliches Wesen, aber sie entwickeln kein einfaches moralisches System, in dem jedes Wesen eindeutig einer Seite von „Gut“ oder „Böse“ zugeordnet ist.

Níðhöggr ist vor allem eine zerstörerische Kraft innerhalb des kosmischen Gefüges.

Die vier Hirsche

Die vier Hirsche heißen Dáinn, Dvalinn, Duneyrr und Duraþrór. Sie ernähren sich vom Laub beziehungsweise den Trieben des Baumes.

Ihre Namen und ihre Funktion gehören zum mythologischen Bild Yggdrasils. Eine eindeutige symbolische Bedeutung wie „sie stehen für Erneuerung durch Konsum“ überliefert die Quelle jedoch nicht.

Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen Mythologie und moderner Symboldeutung.

Wir können die Tiere interpretieren. Wir sollten diese Interpretation aber nicht als ursprüngliche Lehre der nordischen Religion ausgeben.

Adler und Vedrfölnir

Auf Yggdrasil sitzt ein Adler, zwischen dessen Augen ein Falke namens Vedrfölnir sitzt.

Auch hier kennen wir das mythologische Motiv, aber nicht für jedes Detail eine eindeutig überlieferte symbolische Erklärung.

Der Adler wird heute gerne mit Weitblick, Macht oder Freiheit verbunden. Diese Deutungen können reizvoll sein, stammen aber nicht als festes Bedeutungssystem aus den Eddas.

Ratatoskr – der Bote zwischen oben und unten

Besonders faszinierend ist das Eichhörnchen Ratatoskr.

Es läuft am Stamm des Weltenbaums auf und ab und übermittelt Nachrichten zwischen dem Adler und Níðhöggr. Die Botschaften sind offenbar nicht besonders freundlich.

Damit entsteht ein Bild eines Kosmos, in dem selbst die verschiedenen Ebenen miteinander kommunizieren – und gleichzeitig miteinander im Konflikt stehen.

Ratatoskr ist deshalb ein schönes Beispiel dafür, wie lebendig die nordische Kosmologie gedacht wird.

Yggdrasil und Odin

Yggdrasil ist untrennbar mit einer der bekanntesten Geschichten über Odin verbunden.

Im Hávamál beschreibt Odin, wie er sich selbst dem Odin opfert und neun Nächte am Baum hängt:

„Ich weiß, dass ich hing
am windigen Baum
neun lange Nächte.“

Er wird von einem Speer verwundet und erhält weder Nahrung noch Trank. Schließlich nimmt er die Runen auf.

Diese Szene gehört zu den eindrucksvollsten Passagen der altnordischen Mythologie.

Sie zeigt Odin nicht einfach als allwissenden Gott. Im Gegenteil: Wissen muss errungen werden.

Odin opfert sich selbst für sich selbst und erlangt dadurch eine Erkenntnis, die mit den Runen verbunden ist.

Was bedeutet „Yggdrasil“?

Der Name Yggdrasil wird gewöhnlich als „Ross des Ygg(r)“ interpretiert. Yggr ist einer der Namen Odins und bedeutet ungefähr „der Schreckliche“ beziehungsweise „der Furchterregende“.

Drasill bedeutet „Ross“ oder „Pferd“.

Damit ergibt sich die bekannte Deutung „Odins Ross“.

Das klingt zunächst rätselhaft. In der germanischen Dichtung kann jedoch der Galgen beziehungsweise der Galgenbaum als „Pferd“ bezeichnet werden. Yggdrasil wäre damit sinngemäß „Odins Pferd“ – also der Baum, an dem Odin hängt.

Diese Wortdeutung verbindet den Namen des Weltenbaums direkt mit Odins Selbstopfer.

Yggdrasil und das Schicksal

Die Verbindung zwischen Yggdrasil und den Nornen gehört zu den wichtigsten Aspekten des Mythos.

Die nordische Vorstellung vom Schicksal unterscheidet sich allerdings deutlich von der modernen Idee eines vollständig vorherbestimmten Lebens.

Begriffe wie örlög und urðr spielen in den Quellen eine Rolle, und das Schicksal ist ein wiederkehrendes Motiv der nordischen Literatur. Das moderne Wort „Wyrd“ wird dagegen häufig verwendet, als sei es die zentrale Bezeichnung für ein einheitliches „Wikinger-Schicksalskonzept“. So einfach ist es nicht.

Auch Yggdrasil selbst sollte deshalb nicht vorschnell als Symbol eines „festgeschriebenen Lebensweges“ bezeichnet werden.

Interessanter ist die Spannung, die in den Mythen entsteht: Die Zukunft kann unausweichlich erscheinen, und dennoch handeln die Götter.

Odin weiß um Ragnarök – und sucht trotzdem nach Wissen.

Thor weiß nichts von einer Möglichkeit, seinem Schicksal einfach zu entkommen – und kämpft trotzdem.

Yggdrasil steht damit nicht nur für Ordnung. Er steht für eine Welt, in der Ordnung, Wandel, Gefahr und Schicksal gleichzeitig existieren.

Yggdrasil und Ragnarök

Wenn Ragnarök beginnt, gerät auch Yggdrasil in Bewegung.

In der Völuspá heißt es:

„Yggdrasils Esche erzittert,
die alte Esche stöhnt.“

Der Baum wird damit zu einem Seismographen des kosmischen Zusammenbruchs.

Die Weltordnung gerät aus den Fugen. Die Götter treten in ihren letzten Kampf, die Grenzen zwischen den verschiedenen Mächten brechen auf und die bisherige Ordnung endet.

Doch genau hier ist eine wichtige Korrektur gegenüber vielen modernen Darstellungen nötig:

Die Quellen sagen nicht einfach, dass Yggdrasil im Ragnarök vollständig zerstört wird und anschließend eine neue Welt „aus seinen Wurzeln“ entsteht.

Ebenso wenig leben Líf und Lífþrasir laut den Quellen eindeutig „im Inneren Yggdrasils“.

In Vafþrúðnismál wird vielmehr erzählt, dass sich Líf und Lífþrasir während der großen Zerstörung verbergen und sich von Morgentau ernähren. Sie überleben und werden die Menschen der neuen Welt.

Die Verbindung mit Yggdrasil wird in modernen Darstellungen häufig enger dargestellt, als die Quellen selbst es tun.

Überlebt Yggdrasil?

Das Schicksal Yggdrasils nach Ragnarök bleibt in den Quellen nicht vollständig erklärt.

Die neue Welt entsteht, die Sonne hat eine Tochter, die Erde kommt erneut hervor und einige Götter beziehungsweise Göttersöhne überleben.

Yggdrasil wird jedoch nicht mit einer eindeutigen Szene verabschiedet, in der der Baum stirbt und anschließend neu wächst.

Deshalb ist es besser, von einer Erschütterung und Bedrohung des Weltenbaums zu sprechen als von seiner eindeutig beschriebenen Zerstörung.

Das passt ohnehin besser zu seiner Funktion in der Mythologie. Yggdrasil steht mitten in einem Kosmos, der selbst dem Wandel unterworfen ist.

Was Yggdrasil wirklich symbolisiert

Hier beginnt die Grenze zwischen Quellenbefund und moderner Interpretation.

Die Eddas erklären nicht in einem Lehrsatz: „Yggdrasil bedeutet das Leben, die Verbundenheit und die Balance des Universums.“

Diese Bedeutungen werden aus dem Gesamtbild abgeleitet.

Und genau deshalb ist Yggdrasil als Symbol bis heute so wirkungsvoll.

Der Baum verbindet unterschiedliche Bereiche. An ihm befinden sich Götter, Tiere und andere Wesen. Seine Wurzeln reichen zu unterschiedlichen Quellen und Bereichen des Kosmos. Gleichzeitig wird er beschädigt, bedroht und erschüttert.

Verbindung

Yggdrasil verbindet Dinge, die sonst getrennt erscheinen: Götter und Jötnar, Leben und Tod, Himmel und Erde, Wissen und Opfer.

Die moderne Vorstellung vom „Netzwerk des Lebens“ passt deshalb durchaus gut zu diesem Bild – sie sollte nur als moderne Interpretation verstanden werden.

Wandel

Yggdrasil bleibt nicht einfach unverändert.

Er wird benagt, gepflegt, erschüttert und schließlich Teil der Ereignisse von Ragnarök.

Damit passt er zu einer nordischen Mythologie, in der selbst Götter nicht außerhalb von Zeit und Schicksal stehen.

Wissen

Durch Odin wird Yggdrasil außerdem zum Ort eines gewaltigen Erkenntnisopfers.

Odin hängt dort nicht einfach, weil der Baum „magisch“ wäre. Sein Aufenthalt ist Teil einer Prüfung, eines Opfers und des Erwerbs von Wissen.

Vergänglichkeit

Vielleicht liegt hier die tiefste Bedeutung des Weltenbaums.

Yggdrasil ist gewaltig – aber nicht unangreifbar.

Die Weltordnung selbst ist nicht selbstverständlich. Sie muss bestehen, obwohl Kräfte an ihren Wurzeln nagen und obwohl das Ende bereits in den Mythen angelegt ist.

Yggdrasil in der modernen Spiritualität

Heute besitzt Yggdrasil eine Bedeutung, die weit über die historische nordische Religion hinausgeht.

In modernen neopaganen Bewegungen wird der Weltenbaum beispielsweise als Symbol für Naturverbundenheit, persönliche Entwicklung, spirituelle Zentrierung oder die Verbindung verschiedener Ebenen des Daseins verwendet.

Auch Meditationen, Visualisierungen und Rituale greifen das Motiv auf.

Solche Praktiken sind jedoch moderne Formen spiritueller Auseinandersetzung mit Yggdrasil. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres als rekonstruierte Wikingerpraxis bezeichnen.

Das ist keine Abwertung.

Im Gegenteil: Gerade wenn man moderne Spiritualität ernst nimmt, sollte man ihre tatsächliche Entstehung nicht künstlich ins Mittelalter zurückverlegen.

Ein Mensch kann heute mit Yggdrasil meditieren und darin einen persönlichen Lebensweg sehen. Diese Erfahrung ist real – aber sie ist eine Erfahrung der Gegenwart.

Yggdrasil in Film, Spielen und Fantasy

Kaum ein Motiv der nordischen Mythologie wurde von der modernen Popkultur so häufig aufgegriffen wie Yggdrasil.

In Spielen und Fantasy-Welten erscheint der Weltenbaum häufig als riesiger kosmischer Mittelpunkt, als Portal zwischen Dimensionen oder als physischer Träger einer exakt geordneten Welt.

Produktionen wie God of War Ragnarök verwenden Yggdrasil beispielsweise als wichtigen Bestandteil ihrer eigenen Interpretation der nordischen Mythologie.

Auch Assassin’s Creed Valhalla, Fantasy-Literatur und zahlreiche Rollenspiele greifen auf das Motiv zurück.

Dabei entsteht jedoch fast immer eine neue Version des Weltenbaums.

Das ist bei Mythologie nichts Ungewöhnliches. Mythen wurden schon lange vor modernen Computerspielen immer wieder erzählt, verändert und neu interpretiert.

Der Weltenbaum als Motiv in anderen Kulturen

Yggdrasil steht außerdem in einer größeren Tradition von Vorstellungen über kosmische Bäume und Achsen, die verschiedene Ebenen der Welt miteinander verbinden.

Ähnliche Motive finden sich in zahlreichen Kulturen. Dazu gehören beispielsweise bestimmte Baumvorstellungen im Alten Orient, der hinduistische Aśvattha-Baum oder verschiedene kosmische Baum- und Achsenmotive in anderen religiösen Traditionen.

Dabei sollte man jedoch vorsichtig sein.

Ähnliche Symbole bedeuten nicht automatisch, dass alle diese Kulturen voneinander beeinflusst wurden oder dass überall dieselbe ursprüngliche Idee existierte.

Der Weltenbaum ist vielmehr ein wiederkehrendes menschliches Bild: Ein Baum wächst von der Erde in den Himmel, besitzt Wurzeln unter der Oberfläche und verbindet dadurch verschiedene Ebenen. Gerade deshalb eignet er sich besonders gut als Vorstellung eines kosmischen Zusammenhangs.

Yggdrasil – ein Mythos ohne einfache Landkarte

Vielleicht ist es gerade die Unvollständigkeit der Quellen, die Yggdrasil so faszinierend macht.

Wir wissen, dass der Baum in der altnordischen Mythologie eine außergewöhnliche Stellung besitzt.

Wir kennen seine Wurzeln, einige der Wesen, die an ihm leben, die Brunnen in seiner Umgebung und seine Verbindung zu Odin, den Nornen und Ragnarök.

Wir wissen aber nicht alles.

Wir besitzen keine vollständige mythologische Landkarte, keine genaue Beschreibung jeder einzelnen „Welt“ und kein altes Handbuch, das uns erklärt, welche symbolische Bedeutung jedes Tier oder jede Wurzel besitzen soll.

Und genau deshalb sollte man Yggdrasil nicht zu einem modernen Esoterik-Schema reduzieren.

Er ist interessanter als das.

Yggdrasil ist ein Bild für einen Kosmos, in dem alles miteinander verbunden sein kann, ohne deshalb harmonisch zu sein. Götter besitzen Macht und sind trotzdem dem Schicksal unterworfen. Wissen verlangt Opfer. Leben und Tod stehen miteinander in Verbindung. Und selbst der Baum, der die Weltordnung trägt, bleibt verwundbar.

Fazit: Yggdrasil zwischen Mythos und Moderne

Yggdrasil ist einer der eindrucksvollsten Bestandteile der nordischen Mythologie – nicht weil wir seine Bedeutung vollständig entschlüsseln könnten, sondern gerade weil die Quellen Raum für Fragen lassen.

Der Weltenbaum verbindet verschiedene Bereiche des mythologischen Kosmos und steht in Beziehung zu den Göttern, den Nornen, den Jötnar und zahlreichen anderen Wesen. An seinen Wurzeln befinden sich Quellen, an seinem Stamm und seinen Zweigen leben Tiere, und während Ragnarök wird er selbst zum Zeichen dafür, dass die kosmische Ordnung ins Wanken gerät.

Seine moderne Bedeutung geht darüber hinaus.

Heute kann Yggdrasil für Naturverbundenheit, persönliche Entwicklung, spirituelle Suche oder die Vorstellung stehen, dass alles miteinander verbunden ist. Diese Bedeutungen sind nicht als wörtliche Lehre der Wikingerzeit überliefert – aber sie zeigen, warum das Bild des Weltenbaums auch nach mehr als tausend Jahren nichts von seiner Faszination verloren hat.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke Yggdrasils:

Er ist nicht einfach ein Baum, der die Welt trägt. Er ist ein Bild für eine Welt, in der Leben, Wissen, Schicksal, Zerstörung und Erneuerung niemals voneinander getrennt existieren.

FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Yggdrasil

Was bedeutet der Name „Yggdrasil“?

Der Name „Yggdrasil“ wird meist als „Ross (Pferd) des Schrecklichen“ übersetzt – wobei „Yggr“ ein Beiname Odins („der Schreckliche“) ist, und „drasill“ Pferd bedeutet. Der Name bezieht sich auf eine mythische Szene, in der Odin sich selbst am Baum opfert, um die Runenweisheit zu erlangen. In diesem Sinn ist der Baum „Odins Galgen“.

War Yggdrasil eine echte Esche?

In den Quellen wird Yggdrasil als „immergrüne Esche“ beschrieben, doch es handelt sich um ein mythologisches Bild, keine reale Baumart. Die Wahl der Esche symbolisiert Stärke, Wachstum und Verbindung – zentrale Eigenschaften des Weltenbaums.

Welche Tiere leben auf Yggdrasil?

Yggdrasil ist bevölkert von symbolträchtigen Tieren:

  • Níðhöggr, ein Drache, nagt an den Wurzeln (Zerstörung).
  • Ein Adler und der Habicht Vedrfolnir leben in der Krone (Weisheit, Macht).
  • Ratatoskr, ein Eichhörnchen, läuft den Stamm entlang und stiftet Zwietracht.
  • Vier Hirsche fressen die Blätter (Erneuerung durch Wandel).
Welche Welten verbindet Yggdrasil?

In der nordischen Kosmologie gibt es neun Welten, die alle durch Yggdrasil verbunden sind. Die bekanntesten darunter sind:

  • Asgard (Götterwelt)
  • Midgard (Menschenwelt)
  • Jötunheim (Riesenreich)
  • Helheim (Totenreich)
  • Niflheim und Muspelheim (Ursprungswelten von Eis und Feuer)
Was passiert mit Yggdrasil bei Ragnarök?

Beim Weltuntergang Ragnarök wird Yggdrasil schwer erschüttert – als Symbol dafür, dass selbst das kosmische Gefüge nicht ewig besteht. Dennoch überlebt ein Teil des Baumes, und mit ihm zwei Menschen, die die neue Welt nach Ragnarök bevölkern: Líf und Lífthrasir.

Gibt es Parallelen zu Yggdrasil in anderen Kulturen?

Ja. Der Weltenbaum ist ein universelles Motiv. Beispiele sind:

  • Die Weltenesche in der sibirischen Mythologie,
  • Ashvattha, der heilige Feigenbaum im Hinduismus,
  • Der Baum der Erkenntnis im Judentum und Christentum,
  • Der Weltenbaum der Maya, der die Unter-, Mittel- und Oberwelt verbindet.

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